1979 Meter
Wanderung auf den hohen Fraßen

Jetzt lebe ich seit 2016 in der Alpenstadt Bludenz und war bisher auf noch keinem einzigen Berg. Das sollte sich 2018 ändern. Mein Ziel war der hohe Fraßen. Ich sag mal so, wenn du in Bludenz lebst, wird wohl irgendwann in deiner Biographie der hohe Fraßen auftauchen. Das ist sowas wie die Taufe in Bludenz. Also: Ich muss da hoch.

Problem: Seit meiner Jugend schleppe ich eine Menge Gewicht an meinem Luxuskörper mit mir herum, was bedeutet, ich trage da nicht nur meinen Rucksack hoch, sondern auch viel „Gepäck“. Eine besondere Herausforderung für mich.

Wissenswertes

Der hohe Fraßen gehört geographisch gesehen zur Gemeinde Nüziders. – Wobei die Bludenzer (Einwohner der Alpenstadt Bludenz) auch gerne den Berg für sich beanspruchen. Wem er jetzt tatsächlich gehört, ist dann wohl eine Glaubensfrage. Der Gipfel liegt auf 1979 Meter und bietet bei schönem Wetter einen grandiosen Blick über Bludenz, zu den Bergen im Brandnertal, im Westen sieht man die Schweizer Alpen, im Süden kann man die rote Wand und im Norden die Gipfelspitzen von Damüls und Faschina sehen. Der beliebteste Einkehrpunkt auf dem Berg ist die 240 Meter unterhalb vom Gipfelkreuz liegende Fraßenhütte.

Die Wanderung erleben

Am 30.06.2018 war es dann soweit. Das Wetter war heiß – absolut perfekter Tag zum Wandern – nicht. haha. Um 9:00 Uhr eröffnete die Seilbahn zum Muttersberg, der Startschuss zur Wanderung. Mich begleiteten zwei Freundinnen. Mit einer von ihnen blödelte ich zwei Wochen zuvor, dass wir ja mal zum Gipfelkreuz laufen könnten. Naja, aus Spaß wurde Ernst – und Ernst ist jetzt 24, übergewichtig und mutiert zur Bergsteigerin. Am Muttersberg oben auf 1401 Metern angekommen warfen wir noch einen kurzen Blick auf die riesige Wanderkarte, die dort oben platziert wurde, schweiften mit dem Blick über den Berg, meine Freundin wedelte mit ihren Wanderstöcken um sich und zeigte auf eine Fahne an einer Lichtung, unterhalb des Gipfels. Das sollte unser erster Zwischenstopp werden, die Fraßenhütte. Sah ja „zum erreichen“ aus.

Ganz gemütlich ging unser Weg dann los und mein erster Schock wartete auch gleich 10 Meter nach dem Start auf mich. Wir liefen plötzlich den Berg abwärts. Kathy, meine Freundin, klärte mich auf: „Wir müssen erst ein kleines Stück nach unten laufen und dann auf der anderen Seite wieder hoch“. – Ich dachte, sie macht Scherze, bis ich plötzlich knapp 50 Meter weiter unten stand. Wir liefen über einen kleinen Bachlauf und standen dann an einer Kreuzung. Ich sah nach links und nach rechts, beide Wege sahen ja ganz gut aus. Vor mir ein steiler Hang in die Tiefen des Waldes hinein. Bitte nicht. Kathy: „Jessi, wir müssen gerade aus“. Prima.

Also was für andere ein Wanderweg war, war für mich wortwörtlich über Stock und Stein und den Weg nennt man sicherlich nicht umsonst „Teufelstritt“. Nachdem wir den Wald verlassen hatten, fand ich den Wanderweg allerdings unheimlich schön. Viele Blumen, Schmetterlinge und eine fantastische Aussicht. Für die nächste Stunde hieß es dann: Berg auf, Berg auf, Berg auf. Ca. 15 Minuten vor der Fraßenhütte kam uns eine alte Frau – die uns am Muttersberg schon überholte – entgegen, wir waren perplex und fragten sie, wo sie denn jetzt herkam. Die Antwort natürlich ganz simple: Vom Gipfelkreuz. Ja, ok. Alles klar. Ich, kurz vor einem Atemstillstand und auf der Suche nach dem nächsten Sauerstoffzelt, Kathy am lachen, erklärte sie uns, sie würde da jeden Tag hoch laufen, ist ja schließlich ihr Hausberg. Ich werd‘ verrückt.

15 Minuten später waren wir dann endlich an unserem Zwischenstopp: Die Fraßenhütte. Mal davon abgesehen, dass andere diesen Weg in 45 Minuten laufen und wir 2,5 Stunden gebraucht hatten – wegen mir – wollte ich ja noch auf den Gipfel. Kathy war auch bereit mit mir dort hoch zu laufen, ich brauchte erstmal 1,5 Liter Wasser bevor ich überhaupt sprechen konnte. Wir bestellten uns auch erst etwas zu essen. Typisches Hüttenessen eben: Deftig und absolut nicht nahrhaft. Aber geil. Leberkäse mit Letscho, war spitze. Kurz noch durchatmen, auf die Toilette und weiter ging es zum Glockenschlag um 12:00 Uhr, in der prallen Mittagshitze.

Angeschrieben waren 45 Minuten, dass wir das nicht schaffen, war mir von Anfang an schon bewusst. Der Weg erinnerte mich irgendwie an einen Steinbruch, es gab auch keine Bäume mehr sondern nur großes Gebüsch und die Sonne schien erbarmungslos – was ich auch später merken würde. Ich war mittlerweile an einem Punkt, an dem ich alle 10-20 Meter kurz durchschnaufen musste. Das Gipfelkreuz konnte man durch die großen Büsche auch nicht mehr sehen, weshalb es mir schwer viel einzuschätzen, wie lange wir noch brauchen würden. Eigentlich war ich auch schon am Ende meiner Kräfte, aber ein Mensch wächst ja gerne über seine Grenzen hinaus. Als sich der Weg dann trennte gingen wir einfach den zwei Wanderern vor uns nach und erreichten den Punkt, wo es gerade aus nicht mehr weiterging. Blick nach links, Blick nach rechts. Ich habe es geschafft, das Gipfelkreuz in Sicht und nur noch knapp 20 Meter entfernt. Ich habe es wirklich geschafft.

Als ich das Gipfelkreuz berührte war das so, als hätte ich ein Wunder vollbracht, die Glühbirne erfunden – oder so. Auf jeden Fall war es ein wirklicher Gänsehautmoment für mich. Kathy holte das Gipfelbuch und ich schrieb unsere Namen hinein, wir waren da. Oben auf 1979 Meter. Wir setzten uns, tranken ein Kracherl (alkoholfreies Radler), genossen die Aussicht, unterhielten uns etwas und machten am Ende noch ein paar Erinnerungsfotos. Immerhin hatte ich so viel Selbstbeherrschung, dass ich da oben nicht in Freudentränen ausgebrochen bin.

Nach ca. 30 Minuten machten wir uns auf den Weg zurück zur Fraßenhütte – mit eleganten Sturzmanövern meinerseits – wo unsere andere Freundin noch auf uns wartete. Zur Belohnung gab es dann Apfelstrudel mit Vanilleeis. 3 Stunden waren wir in reiner Laufzeit bis ganz oben unterwegs, was bedeutete, wir benötigen ja auch noch eine gewisse Zeit nach unten. Die letzte Seilbahnfahrt vom Muttersberg nach unten war um 17:00 Uhr. Wir schafften es bis 16:15 Uhr am Muttersberg zu sein und tranken noch ein Abschlussradler. Dann bereute ich es bitterlich, an so einem knallheißen Tag einen Berg zu besteigen, ich hatte den Sonnenbrand des Todes. Mein ganzer Rücken war trotz eincremen so verbrannt, dass ich ganze Brandwunden hatte. Lichtschutzfaktor 30 ist für den Berg absolut zu wenig. Memo an mich.

Es war einfach ein absolut intensives Erlebnis!

Wanderung zum hohen Fraßen

Um zum Gipfel zu kommen gibt es einige Möglichkeiten.

Die typischen Routen:

  • Mit der Muttersberg-Seilbahn auf 1401 Meter fahren und von dort auf direktem Weg zur Fraßenhütte auf 1740 Meter und anschließend zum Gipfelkreuz auf 1979 Meter.
    Schwierigkeit: Mittel
    Zeit: 2 Stunden 15 Minuten
  • Für eine entspanntere Tour: Zur Muttersberg Bergstation auf 1401 Meter fahren und von dort über den Tiefenseesattel 1562 Meter zur Fraßenhütte auf 1740 Meter und anschließend zum Gipfelkreuz auf 1979 Meter.
    Schwierigkeit: Einfach
    Zeit: 3 Stunden 30 Minuten

Natürlich kann man die Touren auch kombinieren. Beispielsweise wandern die Bludenzer gerne auf direktem Wege zum Gipfel und Berg abwärts dann über den Tiefenseesattel. Für beide Touren sind Wanderschuhe mit gutem Profil wirklich zu empfehlen.

Unterkunft & ein Restaurant-Tipp

Solltest du kein Einheimischer sein, sondern als Tourist zum Gipfelkreuz wollen, empfehle ich dir, in der Fraßenhütte zu übernachten und am nächsten Morgen ganz früh den Berg in Angriff zu nehmen. Die Aussicht bei Sonnenaufgang ist fantastisch und die Übernachtung mit 25 EUR im Zimmer mit je 4 Betten oder im Matratzenlager mit 40 Matratzen für 20 EUR wirklich nicht teuer.

Typische Gerichte wie z.B. Tiroler Knödel mit Suppe, G’selchtes mit Sauerkraut, Fleischlaibchen mit Letscho und auch Kaffee und hausgemachte Kuchen oder Apfelstrudel findet man auf der Essenskarte.

Für die Übernachtungsgäste oder Frühberggeher wird auch ein üppiges Frühstück serviert mit Wurst, Käse, Marmelade, Honig, Kaffee und gutem Brot. Halbpension kann man für 22,50 EUR buchen.

Pro-Tipp: Wenn die Bedienung kommt, nie sagen „nix“ oder „weis nicht“. „Nix“ kostet hier 5,00 EUR und „Weis nicht“ kostet 4,50 EUR.

Ausrüstung für eine Wanderung mit Hüttenübernachtung

  • Rucksack * – 25 bis 30 l
    Handgepäckgröße reicht für 2 Tage.
  • Regenschutz *
    das Wetter kann in den Bergen schnell umschlagen
  • Funktionsjacke
  • Pullover
  • T-Shirt
    + evtl. Ersatztshirt, wenn man viel schwitzt
  • Wanderhose *
    (z. B. Zipp-off Funktionshosen für kalte und warme Bedingungen)
  • Leggins
  • Unterhosen
  • Ersatzsocken
  • Feste Bergschuhe * (keine Joggingschuhe)
  • Hüttenschuhe
    Für einen gemütlichen Abend auf der Terrasse
  • Multifunktionstuch * für Kopf- oder Halsbedeckung (Schutz vor Sonne)
  • Sonnencreme
    Alles ab Lichtschutzfaktor 30! Unterschätze niemals die Bergsonne.
  • Erste-Hilfe-Set *
    Man weis ja nie.
  • Wasserflasche * (Plastik vermeiden!)
    Das Wasser hier ist überall trinkbar, besonders an Brunnen bekommt man hervorragendes Wasser.
  • Ausweis und Gelbeutel
    Nie vergessen.
  • Brotzeit
    Das typische Gipfelbier mit einer Brotzeit hat einfach seinen Charme.
  • Hüttenschlafsack *
    Falls einmal Betten nicht bezogen sein sollten oder man einfach nicht in unhygienischer Umgebung schlafen möchte.

Fazit

Wenn mir jemand vor zwei Jahren erzählt hätte, ich würde ein Gipfelkreuz erreichen, hätte ich ihn wohl ausgelacht. Tatsächlich war die Wanderung zwar extrem anstrengend für mich, allerdings war es ein wirklich cooles Gefühl, dort oben zu stehen, einfach nur WOW.

Außerdem: Sorry Kathy – falls du das liest – für diesen Ausflug und meinen abertausenden Schimpfwörtern auf dem Weg nach oben und danke, dass du das mit mir ausgehalten hast! Haha.

Es war mit Sicherheit nicht mein letzter Gipfel!

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